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Nenzenheim Apriltage des Schicksalsjahres 1945

Aufgrund der aktuellen Lage musste auch ich meine Gästeführung Granattrichter rund um den Turm Schicksalsjahr 1945 absagen. Da nun die Vorkommnisse in Nenzenheim am 11. April schon 75. Jahre vergangen sind und den Ort doch weitestgehend prägten, möchte ich allen die sich so zahlreich für diese Weinerlebnisgästeführung angemeldet hatten einen kurzen Überblick geben. Natürlich werde ich zu einem anderen Zeitpunkt nach der Krise einen anderen Termin finden, um ihnen auch die Geschehnisse am Andreas-Därr Turm und die Bedeutung des Weines in den Kriegstagen näher zu bringen. Bis dahin wünsche ich euch allen viel Gesundheit und Ruhe, und hoffe der nachstehende Artikel lenkt sie etwas vom Thema das die Welt beherrscht ab.

Ihre Michelle Krämer



Der 2. Weltkrieg dauerte von 1939 bis 1945. Dieser Krieg gilt als der schlimmste der Geschichte. Über 60 Millionen Menschen sind umgekommen. Besonders viele Opfer des Krieges waren keine Soldaten, sondern normale Einwohner. Sie starben durch Waffen, verhungerten oder wurden ganz bewusst ermordet. Dazu gehörten auch 6 Millionen Juden. Auch Nenzenheim hatte eine große Judengemeinde. Genau bei dieser startet die Geschichte der Grausamkeiten des 2. Weltkrieges in diesem Dorf. Die Jüdische Kirchengemeinde in Nenzenheim entstand im 18. Jahrhundert, damals lebten drei jüdische Familien im Ort. Im 19.Jahrhundert lebten zu Hochzeiten hier 94 jüdische Einwohner. In Nenzenheim gab es drei jüdische Einrichtungen an ein und demselben Ort, direkt neben dem Marktplatz. Eine Synagoge, eine Religionsschule und ein rituelles Bad. Einen Friedhof allerdings gab es nicht, die Toten wurden erst auf dem Judenfriedhof in Rödelsee, später in Hüttenheim bestattet. In der Nacht vom 9. Auf den 10. November 1938 der sogenannten Reichspogromnacht ereignete sich im Ort sowie in ganz Deutschland eine furchtbare Gräueltat. In Nenzenheim waren die Nationalsozialisten sehr stark vertreten, diese trieben ihre jüdischen Mitbürger wie Vieh zusammen. Ein Mann, ein Jäger wollte seinen Mitbürgern helfen. Doch wurde er sogleich bedroht, er solle sofort in sein Haus zurückkehren, und den Mund halten. Täte er dies nicht werde man ihn abführen lassen, oder gar erschießen. Die Juden wurden in ein Haus neben ihrer Synagoge getrieben und eingesperrt. Die Synagoge aber wurde mit Strohgarben umstellt und angezündet. Die Juden zwang man mitanzusehen wie ihr aller heiligstes, das jüdische Gotteshaus und somit ihre Kultur einfach ausgelöscht wurden. Allerdings hatte man Sie anders wie in weiten Teilen Deutschlands in Nenzenheim wieder freigelassen. Doch der Schmerz saß verständlicher Weise tief. So wanderten viele von Ihnen rechtzeitig nach dieser Tat aus. Dennoch mussten 33 Personen der jüdischen Kirchengemeinde Nenzenheim an verschiedensten Orten in ganz Deutschland ihr Leben lassen. Die Synagoge die weitestgehend noch stand, wurde von den Nationalsozialisten umgebaut. Der Schmied des Dorfes brachte Eisengitter an die Fenster an. Sie wurde genutzt um amerikanische Kriegsgefangene einzusperren. Heute wird die ehemalige Synagoge zu Nenzenheim als Wohnhaus genutzt, und steht als unscheinbarer stiller Zeitzeuge neben dem Marktplatz.

Schon zu Beginn des Krieges 1939 wurden Lebensmittelmarken eingeführt. Zuerst reichten die Lebensmittel die man dafür bekam noch aus, aber das änderte sich schlagartig. Süßigkeiten, Obst, Schokolade, Milch, Fett und Butter wurden für Erwachsene bald gestrichen. Aber auch das Brot wurde schon schnell zur Mangelware. Den Stadtleuten soll es aber schlechter ergangen sein, wie den Menschen auf dem Land. Viele von Ihnen die die Möglichkeiten hatten gingen aufs Land zum „hamstern“, wer allerdings dort niemanden kannte hatte es besonders schwer. Viele Menschen, auch viele Ältere mussten so den Hungerstod sterben. In diesen schweren Tagen, war es gut, hatte man Wein im Keller, vor allem als sich darin versteckt wurde. So hatte man keinen Durst und der Hunger wurde etwas verschleiert.




Das Schicksal nahm in den Apriltagen 1945 seinen Lauf. Nachdem die Front schon immer näher an den Ort heranrückte wurde die Konfirmation um 1 Woche vorgezogen. Sodass sie zusammen mit dem Ostersonntag gefeiert wurde. An diesem Tag dem 1. April fuhren schon Sanitätskolonen durch das Dorf.

Am Ostermontag den 2. April bezog der Divisionsstab von Massenbach in einer Scheune in der heutigen Breitbachstraße Stellung.

Einen Tag später erreichte die Funkstation den Ort Nenzenheim. Verpflegungs- und Sanitätseinheiten werden aufgebaut. Die Front rückt immer näher an das Dorf heran, sodass sich zersprengte Truppenteile überallhin verteilen. Die Bewohner Nenzenheims werden aufgefordert sich in die Felsenkeller der Brauereien, Private Keller oder dem Wald verstecken.

Mittwoch den 4. April herrscht im Ort eine hektische Betriebsamkeit. Die ersten Granaten schlagen ein. Nachts müssen die Alten Bauern mit Pferdegespannen die Verpflegung und Munition fahren und die Frauen, und Kinder das Vieh versorgen.

Am Donnerstag erfolgte um 12.45 Uhr der erste Tieffliegerangriff. Ein Zeitzeuge berichtet:

„Der Divisionsstab von Massenbach war einige Tage bei uns auf dem Anwesen untergebracht. Als die Amerikaner dies bemerkten, versuchten Sie beim ersten großenTieffliegerangriff ihn mit Granaten abzuschießen. Ich höre immer noch wie unsere Soldaten uns zuriefen, wir sollen uns in die Keller retten. Dafür war es aber schon viel zu spät. Die Granaten schlugen schon ein. Zum Glück verfehlten sie uns. Noch heute weiß ich wie der Boden bebte als die Granaten einschlugen.“

Der Divisionsstab von Massenbach wurde noch in der selben Nacht in das Forsthaus nach Dornheim gebracht. Das Vieh musste bei den immer dauernden Angriffen sich selbst überlassen werden, und konnte nur in der Kriegsstille, unter großer Gefahr gefüttert werden. Viele ließen ihre Tiere auch einfach frei, damit sie nicht den Flammen zum Opfer fallen mussten. Die ersten Anwesen, meist in der jetztigen Schulzengasse, brannten ab, von Granaten und Brandbomben getroffen.

Am 6. April kommen und gehen die Soldaten. Die Artellerie beginnt mit dem Streufeuer um die Bevölkerung zu ängstigen. Mönchsondheim wird von den amerikanischen Truppen erobert, die Front rückt näher.

Am Samstag den 7. April wird auch Hüttenheim von den deutschen Truppen aufgegeben. Die Hauptkampflinie verläuft nun direkt vor dem Dorf. Von der Frankenbergstraße, Kreuzung Hüttenheimerstraße, Grundwiesen, Nierenmühle und die Hergottsmühle wird die Front zurückgelegt. Ein Beobachtungsflugzeug ist ständig in der Luft und sucht nach deutschen Soldaten. Die Herrgottsmühle gilt tagelang als Niemansland und wird zum Lazarett umfunktioniert. Diese durften nicht beschossen werden und daran hielten sich hier beide Streitkräfte.

Der weiße Sonntag war ein Großkampftag. Die Untere Bergstraße ging in einem Flammenmeer auf. Panzer, Artellerie und vorallem Tiefflieger mit Brandbomben beschossen das Dorf. Ein Zeitzeuge berichtet:

„Nenzenheim hatte den ersten Ziviltoten zu verzeichnen, meinen eigenen Bruder. Er wurde in einem Erdbunker, wohin sich die ganze Familie geflüchtet hatte, von einer Panzergranate getroffen. Wir Nenzenheimer führten in diesen Tagen ein Kellerdasein. Nachts schliefen wir in unseren Häusern, aber wenn die Amis, pünktlich früh um sieben Uhr mit dem schießen anfingen, gings im Trab mit dem Proviant in die Weinkeller. Da drinnen verdurstete wenigstens keiner.“

Am 9. April folgte ein weiterer Tieffliegerangriff auf den Steinig, die heutige Mülldeponie. Hier waren deutsche Panzer versteckt. Auch an diesem Tag bricht ein erneutes Streufeuer aus, in dem das Dorf und die Stellungen in der Flur und im Wald beschossen werden.

Dienstag den 10. April geht der Beschuss weiter. Jedoch werden nun auch die Hard, und der If

figheimer Turm durch Artellerie und Panzer beschossen. In der Nacht konnten deutsche Truppen einen amerikanischen Spähtrupp mitten im Ort unter Beschuss nehmen. In dieser Nacht wurde von unbekannten Nenzenheimer Bürgern, gegen geheiß des Bürgermeisters die weiße Fahne am Kirchturm gehisst. Über das weitere geschehen ist man sich nicht ganz einig. So schrieb der damalige Pfarrer in einem Späteren Brief:

„Im Konfirmationsschmuck brannte 1945 die 1910 erbaute Kirche nieder. In Brand gesteckt durch die SS, die nach ihrem Abzug im nächsten Dorf äußerte: Die Nenzenheimer haben die weiße Fahne gehisst. Jetzt brennt ihre Kirche. Maurer Stolz betrachtete aus dem Erdloch seines Anwesens, wie sich Maschienengewehr Feuer mit Branntmunition auf die Kirchturmspitze einschoß bis sie Feuer fing. Die Feuerwehr war nicht mehr einsatzfähig. Der brennende Kirchturm fiel auf das Schiff.“

Ob es nun die Feindesartillerie oder die eigenen Truppen waren die die Kirche unter beschuss nahmen, konnte nie wirklich geklärt werden.



Sicher ist allerdings das bereits um 7.00 Uhr am Mittwoch den 11. April ein Luftangriff der Amerikaner auf das Dorf Nenzenheim stattfand. In manchen Kellern konnten die Menschen nicht mehr bleiben, so stiegen sie über halbverbranntes Vieh und brennende Balken und liefen zum nächsten Keller in der Hoffnung dieser möge standhalten. Das Dorf Nenzenheim stand lichterloh in Flammen. Die Amerikaner schossen die deutschen Stellungen und das Dorf sturmreif. Einige Bewohner des Ortes liefen den Amerikanern direkt entgegen um mit ihnen zu verhandeln. Ein Zeitzeuge erinnert sich:

„Als der Tieffliegerangriff auf Nenzenheim am 11. April begann, schliefen ich und mein Bruder gerade auf Mostfässern. Wir wurden vom Lärm aufgeschreckt. Dieser Angriff zerstörte das ganze Dorf, alles brannte. Im Keller, in dem wir uns versteckten zog der Rauch so schlimm hinein, dass wir ihn schnellstens verlassen mussten. Als wir hinaus kamen erschraken wir. Überall waren Flammen, unser Anwesen war vollständig dem Erdboden gleich gemacht worden. Wir waren vier Familien in diesem Keller gewesen. Wir nahmen uns einen Stab und banden ein weißes Tuch daran und marschierten so den Amerikanern entgegen, bis dahin wo in Richtung Hüttenheim der Knaufbruch war. Das war ein großes Risiko doch die Amerikaner taten uns nichts. Mein Bruder, zwei Jahre jünger als ich, er wurde ins Dorf zurückgeschickt, den Bürgermeister zu holen. Einigen konnten sich der Bürgermeiter und die Amerikaner nicht. So kehrten wir wieder in unser Dorf zurück, und suchten uns schnell wieder einen Platz in einem anderen Keller. Der Wennerskeller war schon voll. Im Distlerskeller unter der Kegelbahn, dem heutigen Schützenhaus fanden wir im hintersten Eck noch einen Platz.“

Die Deutschen Soldaten rücken noch in der Nacht vom 11. Auf den 12. April ab, und geben den Ort Nenzenheim auf.

Am Vormittag des 12. April besetzten die Amerikaner Nenzenheim, rechts und links neben ihren Panzern herlaufend, das Gewehr im Anschlag. Danach wurde es um das Dorf endlich ruhiger. Doch Aufatmen konnten die Bewohner des Ortes noch nicht. Der Krieg in Deutschland war noch nicht vorbei, es herrschte noch kein Waffenstillstand.

doch herrschte in ein geschäftiges treiben. Das Dorf brannte zu 60% ab, und trotzdem musste der übrig gebliebene Wohnraum geteilt werden. Dazu kamen noch die evakuierten, meist aus dem Saarland kommend. Tote mussten durch die warmen Temperaturen des Frühjares 1945 schnellstens auf dem Nenzenheimer Friedhof bestattet werden. Das halb verbrannte Vieh musste natürlich auch schnellstens vergraben werden. Damit keine Seuchen entstehen konnten. Dazu hoben die Bewohner des Ortes rießige Gruben hinter dem Garten des ehemaligen Schlosses, zu Nenzenheim nun das Nehmeiser´s Anwesen aus. Zu aberhunderten lief das noch lebende Vieh und die Pferde auf den Feldern herum, welches die Bewohner aus den brennenden Ställen ins Freie gejagt hatten. Viele Bauern hatten in den nachfolgenden Monaten keine Tiere zur Feldbestellung. Denn die abziehenden deutschen Truppen fingen die Pferde ein und spannten sie vor ihre benzinlosen Autos. Allerdings brauchte das Vieh keinen Hunger leiden, denn 1945 war ein Prachtfrühjahr. Vollzählig fand keiner mehr sein Vieh und das führte zu großen Streit. Aber auch die Trümmer der zerstörten Häuser und Scheunen, sowie der Kirche mussten verräumt werden, bevor mit dem Wiederaubau begonnen werden konnte. Zitat hierzu von einem Zeitzeugen: „ Beim Aufräumen und Wiederaufbauen des Ortes packten alle an. Sogar die Flüchtlinge aus dem Saargebiet. Damals half man sich noch gegenseitig. Der Zusammenhalt des Dorfes war noch ein ganz anderer. Noch im Frühjahr 1946 gab es in den Wäldern einzelne verwilderte Tiere. Die stummen Zeugen der Kämpfe, die kaputten Panzer standen noch bis zu zwei Jahre nach dem Krieg in der Umgebung.

In Zahlen lässt sich der 2. Weltkrieg in Nenzenheim wie folgt beschreinben:

Der zweite Weltkrieg dauerte von 1939-1945. Die Kampfhandlungen um Nenzenheim dauerten 11 Tage. Bei den Kriegseinwirkungen starben 10 Zivilpersonen im Ort im Alter von 13-50 Jahren. 15 Soldaten aus dem Dorf starben auf dem Schlachtfeld oder wurden vermisst im Alter von 18-40 Jahren. Nenzenheim wurde zu 60% zerstört. 35 Häuser, 48 Ställe, 68 Scheunen, 52 Ställe und 45 Nebengebäude erlitten einen Totalschaden wohingegen nur 6 Häuser, 8 Scheunen, 2 Ställe und 2 Nebengebäude beschädigt wurden. 4 nicht betriebsbereite Panzer standen in unmittelbarer Umgebung des Dorfes 2 Jahre lang in der Flur. Ca. 30 Granaten schlugen rund um den Andreas-Därr Turm ein. Wie viel Liter Wein getrunken wurde um den Hunger und das Kellerdasein zu ertragen……. Bleibt unbekannt.